Geschicht D'Joer 1979 a seng Konsequenzen

De Besuch vum Poopst Jean-Paul dem Zweeten a Polen, d'Revolutiounen am Iran an am Nicaragua, d'Flüchtlingen aus dem Vietnam, déi zweet Uelegkris ... All dës Evenementer waren 1979 an hunn, zesumme mat fënnef aneren, d'Welt vun haut entscheedend gepräägt. Dat schreift de Frank Bösch a sengem Buch "Zeitenwende 1979. Als die Welt von heute begann" (Verlag C.H. Beck). De Michel Delage huet sech op der Leipziger Buchmesse mam däitschen Historiker ënnerhalen.

Michel Delage

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Michel Delage: Wie sind Sie auf das Jahr 1979 als Zeitenwende gekommen? Gab es da ein bestimmtes Ereignis, das Ihnen die Augen geöffnet hat?

Frank Bösch: Mir fiel auf, dass viele Fragen der Gegenwart mit Ereignissen verbunden sind, die 1979 passiert sind. Wie, beispielsweise, die iranische Revolution, mit der der islamische Fundamentalismus aufkam. Oder eben die Wahl von Thatcher, mit der die neoliberale Politik einen Ausgangspunkt hatte. Oder auch die Aufnahme von ausser-europäischen Flüchtlingen, die mit den "boat people" begann.

Und daraus entstand die Idee, mehrere von diesen Ereignissen, die heute noch Relevanz für uns haben, als Ausgangspunkt zu nehmen für ein Buch, das fragt, wie die Weltgeschichte auch die Entwicklungen in Europa beeinflusst hat.

Ist es also eine globale Geschichte? Frühere Gesamtdarstellungen hatten sich auf Europa beschränkt, plötzlich wurde der Rest der Welt auch ein Thema. Bei Ihnen logischerweise auch ...

Die meisten Historiker denken ja die Geschichte vor allen Dingen von ihrem Land oder ihren Nachbarländer her aus. Und das ist auch ok. Aber ich glaube, seit den 70er Jahren, als die Globalisierung an Fahrt gewinnt, wird es zunehmend wichtiger, Entwicklungen in anderen Ländern mit einzubeziehen. Und daher sind die Reformen in China, Revolutionen, wie sie in Iran oder Nicaragua stattfinden, oder Entwicklungen in den USA zunehmend so einflussreich, dass wir sie in unsere Nationalgeschichten mit aufnehmen sollten. Und das Buch versucht dies eben.

Es scheint eine dementsprechende Tendenz in der Geschichtsschreibung zu geben. In Frankreich wurde 2017 ein Sammelband veröffentlicht, in dem es um eine globale Geschichte Frankreichs ging [Patrick Boucheron (dir.), "Histoire mondiale de la France"]. Ist Ihr Buch in diesem Sinne eine Globalgeschichte Deutschlands oder gar Europas?

Es ist keine Globalgeschichte, sondern es ist der Versuch, globale Entwicklungen mit Deutschland zu verbinden. In der Tat gibt es da einen gewissen Trend. Die "Histoire mondiale de la France", die sehr erfolgreich war beim Publikum, ist bestimmt etwas, was symptomatisch auch für das Interesse der Öffentlichkeit ist. Auch mein Buch hat in Deutschland eine relativ grosse Resonanz gefunden, was für Viele auch überraschend war. Das zeigt, dass viele Leser eben auch neugierig sind auf internationale Entwicklungen, die sie ohnehin über die Medien ja auch dauernd zur Kenntnis nehmen.

Welche sind, Ihrer Meinung nach, die prägnantesten Ereignisse aus dem Jahre 1979 in Bezug auf die Gegenwart? Sie haben die iranische Revolution angesprochen ...

Aus heutiger Sicht ist natürlich der Islam, ist die Frage von Flüchtlingen, ist aber auch die Frage der Energie, zum Beispiel, ein Thema, das besondere Relevanz hat in dieser Zeit. Aber auch der Kalte Krieg erlebt 1979 einerseits einen Höhepunkt [mit der Invasion Afghanistans durch die Sowjetunion, md], anderersäits verliert er an Dynamik: es entsteht eine multipolare Welt mit unterschiedlichen Zentren. Die neue Rolle von China, das sich 1979 reformiert und sich für den Weltmarkt öffnet, ist etwas, was heute in der Gegenwart natürlich ganz prägend ist.

Ein andereres Beispiel: ich habe ein Kapitel zu der Serie "Holocaust", die damals weltweit überhaupt den Mord an den europäischen Juden ins Zentrum rückt und damit Debatten eröffnet, die bis heute anhalten. Und bis heute den Holocaust zu einem Paradigma machen, mit dem Verbrechen gegen die Menschlichkeit eben auch bewertet werden.

Kulturelle Entwicklungen sind ja eher längerfristig angelegt als politische oder wirtschaftliche Umwälzungen ...

Alle Ereignisse bette ich immer in breitere Kontexte und kulturelle Veränderungen ein. Es verschieben sich Wahnehmungen in der Zeit. Nehmen wir das Energie-Beispiel: Wir haben einerseits eine politische Veränderung mit der Ölkrise, mit dem Unfall bei Harrisburg mit einem Atomkraftwerk. Kulturell bedeutet das, dass Energiesparen jetzt etwas ist, was in der Gesellschaft an Bedeutung gewinnt.

Das Buch ist, in der Tat, weniger über die Populärkultur, weil ich Ereignisse zum Ausgangspunkt mache. Aber wir könnten ähnliches auch über die Populärkultur ergänzen, die sich in dieser Zeit mit der Computerisierung, beispielsweise, dem Aufkommen von privaten Computern ganz entscheidend verändert. Aber auch die Musikkultur, beispielsweise, mit neuer elektronischer Musik.

Lange galt die Aufgabe des Goldstandards 1973 durch die USA als wichtige Zeitenwende. Kann man insgesamt sagen, dass es die 70er Jahre sind, die diese Zeitenwende darstellen?

Es geht mir nicht um ein Jahr, das zu einer Superzäsur erklärt wird. Es geht um generelle Wandlungstendenzen - in dem Fall Ende der 70er Jahre -, die neue Perspektiven öffnen. Generell wird jedes Buch dann interessant, wenn es versucht, etwas anderes sichtbar zu machen, was wir bisher nicht so sehr im Sinn hatten. Das war auch der Versuch mit meinem Buch, eine etwas andere Erzählung zu bieten, als wir sie sonst gewohnt sind.

Neue Wege aus der Krise

Allgemein entstehen diese Ereignisse aus einem Krisengefühl in den 70er Jahren. Es sind Versuche, neue Wege, neue Antworten zu finden. Der Moment einer Umkehr wird zu einem Paradigma. Und das verbindet dann tatsächlich den Aufbruch in Grossbritannien, beispielweise, die "neoliberale Wende" unter Thatcher, mit dem Aufkommen der Grünen, der Ökologiebewegung, die eben auch alternativlos nach ganz anderen Mustern die Gesellschaft aufbauen und umgestalten wollen.

Würden Sie sagen, dass die Zeit danach eine optimistische gewesen ist - mit Optimismus werden eher die 60er in Verbindung gebracht ...? Immerhin war es unter anderem der Anfang der Massenarbeitslosigkeit in Europa ...

Die 70er Jahre, besonders die späten 70er, waren eine zutiefst pessimistische Zeit, die eben auch von Angst besetzt war. Die Angst vor dem Atomkrieg, vor Atomkraft, vor der Umweltschmutzung ... Aber diese Angst treibt an, eine bessere Welt, eine andere Welt aufzubauen. Und dadurch entsteht wiederum in den 80er Jahren eben auch etwas mehr Optimismus.

Es ist, in gewisser Weise, eine Zeit des Übergangs von den Theoriedebatten in das konkrete Handelen, in das Aufbauen. Und auch eine Verschiebung innerhalb der Linken. Das wird in Westeuropa, auch in Deutschland, besonders deutlich in der Gründung von den grünen Parteien, die hier die Hoffnung haben, dass man die Menschheit am Ende doch noch retten kann, trotz all der Atomraketen.

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