Seismograph Leben wir in der besten aller Welten?

Können wir dem Philosophen Gottfried Wilhelm Leibniz noch abkaufen, dass wir "in der besten aller Welten" leben? Was meinte er eigentlich mit dieser Formel?

Lukas Held

Vue op Natur duerch Glaskugel

Leibniz - den Namen verbindet man heute wohl er mit Butterkeksen. Ob er die wohl erfunden hat? Die Antwort: nein, die hat nämlich Hermann Bahlsen erfunden, aber die Kekse (also das englische Wort "cakes" eingedeutscht) sind tatsächlich nach dem Philosophen Leibniz benannt, da er genau wie Bahlsen aus Hannover kam. Das machte man damals so, Kekse nach Celibrities benennen, es gibt ja auch die berühmten Mozartkugeln.

Leibniz wurde ohne Zähne 1646 in Leipzig geboren und starb 1716 in Hannover. Gottfried Wilhelm Leibniz war mit Goethe wohl der letzte große deutschsprachige Universalgelehrte, seine Forschungen betrafen die Mathematik, die Logik, natürlich die Philosophie, die Theologie, die Politik, eigentlich alle Bereiche des menschlichen Wissens, und das sogar in 3 Sprachen: Französisch, Latein und Deutsch.

Darüber hinaus war er ein wichtiger Diplomat und debattierte mit den größten Denkern seiner Zeit, mit Spinoza und Descartes zum Beispiel. Leibniz gilt auch als der erste Informatiker, wir haben ihm die vollständige Ausformulierung des binären Systems zu verdanken, also die "Einsen und Nullen" auf denen die digitale Welt beruht. In der Philosophie ist er vor allem für sein Hauptwerk Essai de Theodicée bekannt.

Ein Prozess gegen Gott

Das Wort "Theodizee" bedeutet soviel wie "Rechtfertigung Gottes". Es geht dabei um die Frage, wie sich die Vorstellung eines guten, allmächtigen und allwissenden Gottes vereinbaren lässt mit dem Fakt, dass es das Böse und das Schlechte in der Welt gibt. In der Theodizee macht der Mensch Gott quasi den Prozess - und ist dabei zugleich dessen Ankläger und dessen Verteidiger.

Leibniz' Antwort auf die Frage, warum es das Schlechte in der Welt gibt, ist sehr komplex, lässt sich aber vielleicht so zusammenfassen: Gott ist ein absolut perfektes Wesen, das unsere Welt geschaffen hat. Das ist die Grundannahme, davon gehen wir aus. Diese Welt wurde nach dem bestmöglichen Plan konzipiert - und das trotz der Tatsache, dass es soviel Leid und Boshaftigkeit in unserer Welt gibt.

Denn der Zweck heiligt die Mittel, und das Böse, das es in unserer Welt gibt, ist nicht grundlos da, sondern trägt zum Gesamtwohl bei. Gut bedeutet also nicht bestmöglich, denn in der bestmöglichen Welt - also in unserer Welt - gibt es ja offensichtlich das Schlechte. Leibniz sagt, dass es möglicherweise auch andere Welten als unsere gibt...

Eine unendliche Reihe möglicher Welten

Es - so meint es Leibniz - une infinité de mondes possibles, eine unendliche Reihe möglicher Welten. Das hört sich etwas freaky an, ist aber ganz verständlich, denn alles was ist, könnte auch anders sein, bei jeder Entscheidung, die wir treffen, wählen wir aus verschiedenen Möglichkeiten aus. Das nennt man Kontingenz, und das ist eines meiner persönlichen Lieblingsthemen.

Ich hätte heute über etwas ganz anderes sprechen können, du hättest vor Jahrzehnten einen anderen Weg einschlagen können, dann säßen wir nicht hier - all das sind mögliche Welten, die virtuell existieren. Es existiert virtuell wahrscheinlich sogar eine Welt, in der es kein Böses gibt, in der alle glücklich sind, etc. Aber diese utopische Welt ist eben nicht die bestmögliche aller Welten da wir jetzt gerade in der bestmöglichen aller Welten leben, in der es auch Leid gibt.

Aber woher wissen wir, dass wir in der bestmöglichen aller Welten leben? Leibniz sagt, dass, wenn es eine unendliche Reihe möglicher Welten gibt, es auch eine geben muss, die besser ist, als alle andere - das Superlativ sozusagen. Denn alle Welten können nicht gleichwertig sein und sie können auch nicht kontradiktorisch sein, sich also nicht widersprechen.

Real existiert gerade diese unsere Welt, und aus all den möglichen Welten ist diese real existierende Welt die bestmögliche. Man muss beachten, das Gott schafft in Leibniz Vorstellung auch nicht alles von null auf entstehen lässt. Gott muss sich auch mit den Dingen arrangieren, die es schon gibt, und damit meint er insbesondere unsere Willensfreiheit.

Bestmöglich ≠ Gut

Ja, für ihn es gibt durchaus Freiheit, Leibniz' Modell ist kein deterministisches Modell, wo schon alles im voraus entschieden ist und wir eigentlich nur einen vorbestimmten Plan erfüllen. Nein, es gibt die Willensfreiheit und es gibt die Möglichkeit, aus vielen verschiedenen Möglichkeiten zu wählen. Gott sieht alle diese Möglichkeiten im voraus, er ist schließlich allwissend, und schafft mit all diesen Umständen im Kopf eine Welt, die eben bestmöglich ist, also die beste dieser unendlichen Möglichkeiten darstellt.

In seinem Prozess gegen Gott steht also am Ende ein Freispruch. Gott ist der gute Gott, der die bestmögliche Welt kreiert. Aber...Wer kann angesichts all der Krisen wirklich daran glauben, dass dies die bestmögliche aller Welten ist? Angesichts der ständigen Präsenz des Bösen in der Welt verschafft Leibniz' Antwort nicht den nötigen Trost. Das hat u.a. Voltaire Leibniz in dem Candide vorgeworfen, dass er ein hoffnungsloser Optimist sei. Aber genau diese Kritik greift zu kurz, denn man muss es noch einmal betonen: bestmöglich ist nicht gleich gut. Und gut ist nicht gleich bestmöglich. Vielleicht lässt sich darin ja etwas Trost finden, dass man sich sagt: es könnte auch alles anders sein, aber es ist gerade so wie es ist. Es ist nicht gut, aber bestmöglich.

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