Seismograph Stau!

Die Ferien stehen vor der Tür und alle freuen sich darauf, in den Urlaub zu fahren. Justement die Fahrt in den Urlaub - eben die ist meist Synonym für eines...nämlich Stau!

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

33h/Jahr im Stau

Die Ferien stehen vor der Tür und alle freuen sich darauf, in den Urlaub zu fahren. Justement die Fahrt in den Urlaub - eben die ist meist Synonym für eines...nämlich Stau! Wer in die Ferien fährt, muss sich wohl oder übel auf Stau gefasst machen. Das nimmt mitunter ziemlich heftige Ausmaße an, wie zuletzt in Frankreich, wo sich zu Ferienbeginn rund 1.200 km Stau ansammelten.

Nun wissen wir in Luxemburg aber auch, dass der Stau nicht nur ein Ferienphänomen ist. Jemand, der jeden Tag mit dem Auto in die Hauptstadt fährt, verbringt rund 160 Stunden im Stau. Pro Jahr. Das sind mehr als 6 ganze Tage! Durchschnittlich verbringen Luxemburger übrigens 33 Stunden pro Jahr im Stau.

Stoisch im Stau

Tatsächlich bietet das Thema "Stau" viele Ansatzpunkte, angefangen mit der Unvermeidlichkeit des Staus. Ob man nun in Urlaub fährt, zur Arbeit pendelt oder samstags in die Stadt fährt, man weiß: es wird stauen. Man versucht natürlich, den Stau zu vermeiden, aber insbesondere auf der Autobahn ist gewiss: irgendwann werde ich im Stau stehen und ich kann nichts dagegen tun. Das wiederum wirft die Frage auf, wie man sich zu etwas verhalten soll, worauf man keinen Einfluss hat.

Hier hilft uns der stoische Philosoph Epiktet, der im 1. Jahrhundert n.Chr. lebte - damals noch ohne Stauprobleme. Epiktet soll gesagt haben: "Verlange nicht, dass das, was geschieht, so geschieht, wie du es wünschst, sondern wünsche, dass es so geschieht, wie es geschieht, und dein Leben wird heiter dahinströmen." Was will uns Epiktet sagen?

Anstatt zu wollen, dass die Dinge anders sind, als sie sind, sollten wir die Dinge so wollen, wie sie sind, sollten wir also die Notwendigkeit wollen. Das bedeutet allerdings nicht einfach, die Dinge irgendwie passiv und indifferent zu akzeptieren. Es bedeutet, einzusehen, dass wir letztlich sehr wenig Einfluss auf das haben, was geschieht. Es bedeutet, zu wollen, dass alles ist, wie es ist, und nicht wie wir es gerne hätten, denn das, was wir gerne hätten, liegt meist außerhalb unserer Macht. Natürlich ist es nicht einfach, stoisch zu sein.

Stell dir vor, es ist Stau und keiner fährt rein...

Interessant ist, dass viele unserer Charaktereigenschaften immer dann zum Vorschein treten, wenn wir nichts mehr ausrichten können, wenn wir uns eben an das Unvermeidliche stoßen. Im Stau werden die einen aggressiv, die anderen phlegmatisch, bei einigen kommt die Ellenbogenmentalität durch, wieder andere sind gestresst.

Vor allem aber ist jeder von einer Sache genervt, zu der er selbst beiträgt. Denn genau gesehen stecken wir nicht im Stau, wir selbst sind der Stau. Trotzdem tun wir so, als ob sich uns da etwas in den Weg gestellt hätte. Das finde ich interessant: obwohl alle Autofahrer verschiedene Ziele, Absichten und Projekte haben, kommen alle zu etwas Großem zusammen, das sie alle übersteigt. Und irgendwann löst sich der Stau mysteriöserweise auf - ohne dass man genau wüsste, weshalb, ohne dass man darauf einen Einfluss gehabt hätte.

Der Stau als Ganzes ist mehr als die Summe seiner einzelnen Teile, er übersteigt jeden einzelnen Autofahrer, wäre ohne ihn oder sie aber auch nicht möglich. Nach dem Motto: stell dir vor, es ist Stau, und keiner fährt rein...

Nicht-Ort Autobahn

Ich denke, im Stau wird man sich der Zeit bewusst. Im Stau erfährt man eine besondere Art von Zeit, nämlich die tote Zeit, also die Zeit, die man nicht wirklich produktiv nutzen, in der man nicht aktiv werden kann. Hinzu kommt die Erfahrung eines toten Ortes - nämlich die Autobahn.

Ist es nicht befremdlich, auf einer Autobahn stehen zu bleiben, einmal den Seitenstreifen wirklich zu sehen, zu sehen, wie breit so eine Autobahn eigentlich ist, vielleicht sogar aus dem Auto zu steigen und dort zu stehen, wo man nicht stehen soll? Die Autobahn ist im Grunde genommen ein Ort, den es nicht wirklich gibt, ein Nicht-Ort, ein Ort ohne Geschichte, ohne Möglichkeit der Identifikation, ein Ort, dessen Funktion darin besteht, dass man ihn verlässt.

Der Stau ruft uns die Existenz dieser Nicht-Orte ins Bewusstsein - tote Orte an denen wir tote Zeit verbringen - leider viel zu viel Zeit.

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