Seismograph Verstopfte Arterien

Im Suez-Kanal fährt sich ein Boot fest und blockiert den Welthandel: für den Philosophen Lukas Held nicht nur eine willkommene Abwechslung im Corona-Trott, sondern eine Metapher für unsere Verletzlichkeit.

Lukas Held / Simon Larosche / tt

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Im Suez-Kanal fährt sich ein Boot fest und blockiert den Welthandel. Die Geschichte bietet Stoff zum Nachdenken, oder?

Ja definitiv. Die Popularität der Story in den Medien, die vielen Headlines und Newsticker ebenso wie die vielen Memes, die kursierten sprechen jedenfalls für sich - und zeigen, dass uns dieses festgefahrene Schiff irgendwie betroffen hat, dass sich hier irgendetwas abgespielt hat.

Warum meinst du ist das so?

Zunächst einmal ist die Story natürlich eine willkommene Abwechslung im Corona-Trott. Aber darüber hinaus hat sie etwas, was bei Corona schon von Anfang an fehlte, nämlich Einsichtlichkeit, Intelligibilität. Schließlich ist die Sache zur Abwechslung einmal recht einfach: kein unerforschtes letales Virus, das überall und nirgendwo ist, aber auch keine obskuren Bad Banks, keine windige Finanzspekulation, noch nicht mal irgendein undurchsichtiger geopolitischer Konflikt, sondern einfach nur ein verdammt großes Schiff (von der Größe des Empire-State-Building), das sich in einem engen Kanal festgefahren hat - und diesen eine Woche lang blockiert.

Das ist einfach, das ist verständlich und vor allem ersichtlich - und eben das fehlt uns beim Virus, von dem wir immer noch nicht genau wissen, wo und warum es aufgetreten ist und wann es verschwindet. Dadurch, dass die Sache so ersichtlich ist, können wir in Bezug zu ihr treten. Deshalb kann der Schiffbruch auch selbst zur Metapher werden.

Das musst du genauer erklären: eine Metapher wofür?

Eine Metapher für Verletzlichkeit - vor allem für unsere eigene Verletzlichkeit. Es ist ja nicht ganz unschuldig, dass in den Medien oft die Rede war von der "verstopften Arterie" des Welthandels. Die Parallelsetzung Welthandel mit menschlichem Körper dient dem Zweck, die Verletzlichkeit der beiden Apparate zu unterstreichen: denn ist die Arterie erstmal verstopft, läuft's nicht mehr allzu lange gut, dann staut es nämlich, dann hört es auf zu fließen - und Stillstand ist schlecht, Stillstand bedeutet Tod.

Das ist das wirklich Schockierende an dieser ganzen Geschichte: es bedarf nur eines kleinen Störenfrieds, um den ganzen glorreichen Apparat ins Stottern zu bringen - egal ob nun ein Schiff oder ein Blutgerinnsel. Schockierend ist darüber hinaus, dass wir darauf - wenn überhaupt - nur einen minimalen Einfluss haben. Jedenfalls würde ich das Statec bitten, einmal nachzuprüfen, ob die Cardiologen-Besuche in kommender Zeit tendenziell steigen.

Da könnte was dran sein...

Aber ernsthaft...ist es nicht faszinierend zu sehen, dass nicht nur der Suez-Kanal, sondern auch die gigantischen Containerschiffe, die ihn tagtäglich befahren, erst in unser Bewusstsein treten, wenn sie eben nicht mehr fahren? Dass die Schnelligkeit unserer Welt erst deutlich wird, wenn sie zum Stillstand wird - und dass dabei die Fragilität dieses ganzen Systems mit Namen globalisierter Welthandel deutlich zum Vorschein tritt.

Es verhält sich dabei ganz ähnlich wie mit unserer Gesundheit, deren wir uns ja auch erst bewusst werden, wenn sie nicht mehr da ist. Gesundheit, schrieb der Philosoph Hans-Georg Gadamer einmal, ist das "selbstvergessene Weggegebensein an die privaten, beruflichen und sozialen Lebensvollzüge". Eben dieses selbstvergessene Weggegebensein ist unser alltäglicher Existenzmodus, der eigentlich ein Modus der Ausblendung ist, genauer gesagt: des Beherrschens durch Ausblendung. Oder einfacher gesagt: was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß. Eine Frage habe ich mir letzte Woche dann doch gestellt...

Und zwar?

Das Schiff ist seit Montag frei, aber es war ja tagelang ungewiss, ob und wann das Schiff freikommt. Warum haben jedoch manche Schiffe abgewartet, und warum haben andere den Weg um Kap Horn gemacht? Welche Parameter spielten bei dieser Entscheidung eine Rolle? Das kann man durchaus auf das eigene Leben beziehen: nach welchem Kriterium kann man entscheiden, ob es sich lohnt, abzuwarten, oder einen Umweg zu gehen? Wann muss man handeln, und wann muss man sich zurückhalten? Aber das sind Fragen für eine andere Sendung...

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