Seismograph Die technisierte Gesellschaft

Mit der Implementierung des 5G-Netzwerks werden allerlei Stimmen laut, die die Sinnhaftigkeit dieses ultraschnellen Netzes in Frage stellen.

Simon Larosche / Lukas Held / cbi

5G
Symbolbild fir de 5G-Reseau. Foto: Bigstock / Marko Aliaksandr

Simon Larosche: Heute geht es um die technisierte Gesellschaft.

Lukas Held: Ja Simon, mit der Implementierung des 5G-Netzwerks in unserem Land werden allerlei Stimmen laut, die die Sinnhaftigkeit dieses ultraschnellen Netzes in Frage stellen, aus sanitären, ökologischen oder gesellschaftspolitischen Gründen. Es ist weiterhin nicht wirklich erforscht, welche Auswirkungen auf Umwelt und Gesundheit die Wellen dieses Netzes haben, das bis zu tausendmal schneller ist, als das 4G-Netz.

Es ist außerdem absehbar, dass all die 4G-Geräte in Zukunft obsolet und durch neue ersetzt werden, was offensichtlich eine ökologische Katastrophe darstellt. Schließlich fürchten viele, dass durch die kommende Automatisierung und Digitalisierung des Alltags die soziale Isolation vorangetrieben und das Stresslevel der Menschen erhöht wird, nach dem Motto: je schneller desto stressiger.

Aus diesem Grund geben sich viele Menschen - gerade in linken Kreisen - technikskeptisch und plädieren für Entschleunigung. Anders gesagt: weniger Technik, weniger Apparate, dafür mehr sanfte Mobilität, mehr Natur, mehr Lokalismus, mehr Basisdemokratie, mehr Authentizität.

Das ist ja an sich keine schlechte Sache, oder?

Nein, natürlich nicht, das hat auch alles seine Berechtigung. Nun gibt es jedoch auch Linke, die die linke Technikskepsis kritisieren und anstelle der Entschleunigung für eine Beschleunigung, also für Akzeleration plädieren. Der Grundgedanke des sogenannten Akzelerationismus ist der, dass es sinnlos ist, hinter den technischen Fortschritt zurückgehen zu wollen, ja dass dieser vielmehr als ein Sprungbrett für eine zukünftige Gesellschaft dienen sollte.

Tatsächlich ist es ja erstaunlich, dass sich trotz all der technischen Errungenschaften insbesondere in diesem und letztem Jahrhundert quasi nichts an der Art und Weise geändert hat, wie wir arbeiten und wie unsere Gesellschaft organisiert ist. Während der technische Fortschritt unaufhaltbar ist, haben wir immer noch dieselben fixen Vorstellungen von Arbeit und Freizeit, von Arbeitnehmer und Arbeitgeber, von Eigentum und Gemeingut wie im frühen 20. Jahrhundert.

Sicher, heutzutage kann man der Versammlung auch per Teams oder per Zoom beiwohnen, oder - wie es eine Werbung einer großen nationalen Reisefirma verlautbart - das nächste Meeting vom Strand aus machen (was mir eine absolute Horrorvorstellung zu sein scheint).

Das ändert aber nichts daran, dass die Sozialform "Meeting" an sich antiquiert ist. Es bedeutet auf der anderen Seite aber auch nicht, dass Teams und Zoom per se illegitim sind.

Ein weiteres Beispiel: Big Data, also die massive Sammlung von Nutzerdaten, kann Firmen dazu dienen, ihren Kunden personalisierte Werbung vorzuschlagen, sie kann aber auch dazu dienen, komplexe Systeme gesellschaftlicher Interaktionen zu durchschauen und zu modifizieren. Mit anderen Worten: der Wert der Technik hängt von ihrem Nutzer ab.

Jetzt hast du noch nicht erklärt, warum dazu der technische Fortschritt beschleunigt werden sollte.

Nun, die Akzelerationisten sind der Meinung, dass die gesellschaftspolitische Organisation unserer Zeit, nämlich der Neoliberalismus, den technischen Möglichkeiten unserer Zeit einfach nicht gerecht wird. Tatsächlich hemmt dessen Einfalls- und Alternativlosigkeit den technischen Fortschritt oder lässt ihn sich in Oberflächlichkeit verlieren, z.B. in Netflix-Streaming-Berieselung, in VR-Videospielen oder irgendwelchen überflüssigen Apps.

Den technischen Fortschritt zu beschleunigen würde bedeuten, dessen Möglichkeiten zu entfesseln und dadurch tiefgreifende Veränderungen zu bewirken, von denen die ganze Gesellschaft und alle Menschen profitieren könnte. Dazu bedarf es neuer Visionen und neuer Ideale, was bedeutet, dass es neuer Narrative und neuer Geschichten bedarf.

Ein wichtiges Leitmotiv ist dabei das des Netzwerks, das ja nicht hierarchisch ist, in dem es kein Zentrum, sondern viele verschiedene Schnittstellen gibt. Anders gesagt: weg von der antiquierten Pyramiden-Gesellschaft, hin zur zukünftigen Netzwerk-Gesellschaft.

Sicherlich dürfte das alles etwas schräg klingen. Am Akzelerationismus wird m.E. aber ein wesentliches Problem unserer Zeit offenbar. Es ist uns unmöglich geworfen, uns eine Zukunft vorzustellen, in der wir Menschen die Technik in unseren Dienst und den Dienst des Lebens auf diesen Planeten stellen. Ich finde, es wird höchste Zeit, dass wir uns neue Geschichte ausdenken - denn seien wir mal ehrlich: die alten werden langsam langweilig.

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