Prisma Gnosis

Unter der Gnosis versteht man eine Reihe von einflussreichen religiösen und philosophischen Gruppierungen, die sich parallel zum frühen Christentum entwickelten. Die Gnostiker waren bekannt für ihre extreme Weltverachtung, für ihren moralischen Nihilismus und ihren Libertinismus, mit dem sie das Ende der Welt und das Kommen des Himmelreiches provozieren wollten. Lukas Held versucht die gnostische Weltanschauung für das 21. Jahrhundert geltend zu machen.

Lukas Held

Lukas Held
Der Philosophe Lukas Held. Foto: Archiv

Was ist Gnosis?

Was ist Gnosis? Als Gnosis bezeichnet man eine Reihe von religiösen und philosophischen Gruppierungen, die sich parallel zum frühen Christentum entwickelten (also zur Zeit der Spätantike). Das altgriechische Wort "Gnosis" bedeutet soviel wie "Wissen" oder "Erkenntnis". Das zeigt bereits an, dass sich die Gnostiker im Besitz eines Wissens wähnen, das sie von den anderen Menschen abgrenzt.

Das gnostische Weltbild ist vom Dualismus geprägt, nämlich dem Dualismus zwischen einerseits dem "bösen" Gott, den sie als den Schöpfergott identifizieren, der eine Welt voller Sünde erschaffen hat. Auf der anderen Seite gibt es den "fremden" Gott, den Erlösergott, der sich außerhalb der Welt aufhält. Der christliche Schöpfergott wird also zu einem bösen Demiurgen, und der Erlösergott ist eigentlich weltfremd.

Das gnostische Denken zeichnet sich demnach auch durch eine extreme Weltverachtung aus, denn für den Gnostiker ist die Welt das Gefängnis der Seele. Hier irrt sie ziellos umher, schlafend, berauscht und betäubt (Heimarmene). Der Gnostiker fühlt sich fremd in einer Welt, von der er weiß, dass sie einzig dazu geschaffen wurde, ihn vom wahren, vom fremden Gott zu trennen. Das weiß er, weil er das pneuma, sprich den Geist, den göttlichen Funken in sich selbst entfacht hat.

Laut gnostischem Selbstverständnis trägt jeder Mensch einen solchen göttlichen Teil in sich und es gilt, sich dieses pneumas bewusst zu werden. Nur so kann man aus dem weltlichen Schlaf erwachen und zur Erkenntnis - eben zur gnosis - gelangen.

Dieses pneuma ist der einzige Anhaltspunkt in einer Welt, die dem Gnostiker Angst macht. Sie macht ihm Angst, weil die Mächte, die in ihr walten, den Einzelnen immer unendlich übersteigen. Er versteht sie nicht, und so ist er einsam und verloren ist in dieser Welt.

Libertinismus und Nihilismus

Die gnostische Weltverachtung hat zur Folge, dass sich die Gnostiker in offene Opposition zu den weltlichen Normen und Moralvorstellungen begeben, und das entweder auf asketische oder auf libertinistische Weise.

Wenn nämlich die Welt schlecht ist, wenn der Schöpfergott tatsächlich ein böser Demiurg ist, dann sind auch seine Gebote und seine vermeintlichen Regeln schlecht - und müssen gebrochen werden. Das Wissen um die wahre Natur der Welt führt zum moralischen Nihilismus - nach der Devise: "Du bist frei zu handeln, wie du willst".

Eben dieser gnostische Libertinismus ist hochinteressant, insofern hier versucht wird, durch bewusste Verletzung der geltenden Regeln, also durch absichtliches Sündigen aktiv den Weltuntergang zu beschleunigen.

So berichtete der Kirchenvater Epiphanios von Salamis im 4. Jahrhundert n. Chr. in einem Bericht über die Gnostiker von deren ausschweifenden Masturbationspraktiken, von Sex, der nicht mehr nur der Reproduktion dient (oh schreck!), von Polygamie, von Fressorgien und Saufgelagen und sogar von kannibalistischen Zeremonien, bei denen anscheinend abgetriebene Foeten mit Honig und Pfeffer gewürzt verspeist wurden. Wie viel davon wahr ist, ist fraglich.

Wichtig ist, dass es den Gnostikern bei ihren blasphemischen Praktiken gar nicht um die Befriedigung ihrer Lust geht, weshalb sie streng genommen auch keine Hedonisten sind.

Es geht um die bewusste Verletzung des weltlichen Regelkatalogs, und das auf äußerst systematische Weise. Anstatt pfadfinderhaft jeden Tag eine gute Tat, gilt dem Gnostiker der Leitsatz: jeden Tag eine Sünde.

Denn nur durch die Sünde kann der Weltuntergang und damit das Kommen des verborgenen Gottes beschleunigt werden, nur die Sünde bringt Erlösung. Es ist offensichtlich, dass sich Gnosis und Christentum damals - gelinde gesagt - in einem Spannungsverhältnis befanden.

Kritik des Kosmopolitismus

Der Philosoph Hans Jonas hat darauf hingewiesen, dass die gnostische Weltverachtung auch politische Gründe hatte. In der antiken Polis, also dem antiken Stadtstaat, herrschte lange Zeit ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen dem Bürger und der Polis an sich, also zwischen dem Einzelnen und dem Ganzen.

Tatsächlich konnte der einzelne Bürger sich nur im großen Ganzen verwirklichen, dessen Teil er war. Bekanntlich galt das Exil zu dieser Zeit ja auch als eine der schlimmsten Formen der Bestrafung. Das änderte sich mit dem Aufkommen des Imperium romanum und dessen Kosmopolitismus. Auf einmal waren die Einzelnen Teil eines sehr großen Ganzen, eines Gefüges, das so unverständlich, so groß und so weitläufig war, dass der Einzelne sich davon entfremdete.

Die Gnosis kann man als politische Reaktion auf die damalige Globalisierung und die damit einhergehende Entfremdung verstehen. Zitat Jonas: "Die Aspiration des gnostischen Einzelnen war nicht, den ihm vom Ganzen zugemessenen Teil darzustellen, sondern selbst und eigentlich zu sein, 'authentisch' zu existieren."

Der Preis dieses authentischen Lebens ist die Totalabsage an die sozialen und ethischen Normen, sowie an die Gegenwart selbst. Sein Leben richtet der Gnostiker nämlich einzig auf die Zukunft aus, in Erwartung der Offenbarung jenes verborgenen Gottes.

Gnosis heute

Was hat die Gnosis uns heute noch zu sagen? Nun, ich denke, dass gnostische Motive in Krisenzeiten wie den unseren ein Comeback erleben - pour le meilleur et pour le pire.

Pour le meilleur könnte man sagen, insofern der Gnosis eine unheimliche politische Sprengkraft innewohnt. Das Motiv der Verachtung der materiellen Welt z. B., oder die gnostische Einstellung zum Tod, den man nicht fliehen, sondern begrüßen sollte.

Oder die Verachtung materielle Güter, die Akzeptanz der eigenen Körperlichkeit, die Idee, dass angesichts der nahen Apokalypse alle Menschen gleich sind, die Absage an Könige und Herrscher, an alle zentralisierten Herrschaftsformen, aber auch an die Institution Kirche mit ihrer Himmels- und Erdenhierarchie, all diese Gedanken waren und bleiben revolutionär.

So gesehen ist das gnostische Denken ein Denken der Befreiung. Das drückt sich am stärksten in der gnostischen Verachtung der akzeptierten Werten und Normen aus. Der Gnostiker ist ein Anarchist, jemand, der die geltende Weltordnung nicht akzeptiert und die herrschende Ideologie durchschaut.

Das gnostische Denken kann aber auch - pour le pire - zu gefährlichen Verkürzungen verleiten. Da wäre zunächst einmal die Vorstellung, dass niemals die ganze Wahrheit bekannt ist, dass man uns, also dem Volk, gewisse Informationen vorenthält, dass wir - anders gesagt - in einer Scheinwelt leben, in der Welt des bösen Gottes. Dieser Generalverdacht ist so überzogen, dass er nicht mehr kritisch, sondern schlicht paranoid ist.

Parallel dazu finden wir häufig das Motiv der Einweihung. Um ein aktuelles Beispiel zu nenen: Wenn Donald Trump vehement behauptet, es habe Betrug und Schummelei während der Präsidentschaftswahl gegeben, ohne dafür konkrete Beweise zu liefern, dann umgibt er sich in den Augen seiner Anhänger mit der Aura des Eingeweihten, desjenigen, der die Wahrheit kennt, die wirklich wahre Wahrheit.

Der Eindruck in einer Scheinwelt zu leben, gepaart mit der Idee der Einweihung führt letztlich zu einer Art Endzeitstimmung. Problematisch wird es, wenn Menschen dieser Endzeitstimmung auch noch mit Beschleunigungsphantasien begegnen. Wenn man sich bspw. eine zweite Legislaturperiode Trumps herbeisehnt, damit die USA sich so endgültig selbst in den Ruin treiben und das amerikanische Imperium endlich zerfällt, dann ähnelt das sehr dem gnostischen Wunsch nach der willentlichen Beschleunigung der Apokalypse, nach der Akzeleration des Untergangs.

Zwischen Ideologiekritik und Verschwörungstheorie, zwischen Entzauberung der Welt und Entleerung der Welt, besteht ein schmaler Pfad, und nichts illustriert das besser als die Geschichte und die Lehren der Gnostiker.

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