Prisma καιρός

Krisenzeiten sind auch Entscheidungszeiten und die aktuelle Covid-19-Pandemie zeigt das in aller Deutlichkeit. Bei einer Entscheidung ist aber nicht nur wichtig, dass man sie trifft, sondern vor allem auch, wann man sie trifft. Die alten Griechen hatten einen Begriff für diesen richtigen, opportunen Zeitpunkt, an dem man eine Entscheidung treffen sollte, nämlich den kairos.

Lukas Held erläutert diesen ebenso seltsamen wie faszinierenden Begriff und stellt zugleich die Frage, ob die Idee eines richtigen Moment für die Handlung noch einen Platz in unserem Zeit- und Weltverständnis hat.

Lukas Held / cbi

Lukas Held
Der Philosoph Lukas Held. Foto: Archiv

Einer der für mich faszinierendsten und zugleich seltsamsten Begriffe des antiken Denkens ist der des kairos. Kairos, mit diesem Wort bezeichneten die alten Griechen den opportunen Moment, den richtigen weil entscheidenden Zeitpunkt, in dem sich - wie wir heute sagen würden - die Dinge zuspitzen. Hinter diesem Begriff steht die antike Vorstellung, dass alles sein Maß hat, dass der Lauf der Dinge einer Regelmäßigkeit folgt, und dass somit auch das menschliche Handeln sich einer gewissen Metrik fügen muss. Anders gesagt: wenn eine Handlung oder eine Entscheidung gelingen soll, muss ihr kairos erkannt und ergriffen werden. Etymologisch entstammt das Wort übrigens der Kunst des Bogenschießens und bezeichnete den Schuss, mit dem das Herz getroffen wurde.

In der Antike taucht der Begriff in den verschiedensten Kontexten auf. In der klassischen Rhetorik bspw. bezeichnet der kairos den Moment, an dem eine Argumentation ihre volle Überzeugungskraft entfalten kann und die Stimmung des Publikums zugunsten des Redners umschwingt. In der Kriegskunst ist der kairos die Gelegenheit, die, wenn sie ergriffen wird, letztlich über den Ausgang einer Schlacht oder eines ganzen Krieges entscheidet. Bei Hippokrates, dem Urvater der Medizin, bezeichnet kairos den günstigen Augenblick, den der Arzt nutzen muss, um eine Krankheit abzuwenden. Die Schwierigkeit besteht in all diesen Fällen natürlich darin, den entscheidenden Augenblick zu erkennen und ihn dann auch zu ergreifen. So schreibt Hippokrates: "Im chronos liegt der kairos, aber im kairos ist wenig chronos". Anders gesagt: "In der Zeit (im chronos) liegt der günstige Augenblick (der kairos), aber im günstigen Augenblick bleibt wenig Zeit". Daran wird eine wesentliche Eigenschaft des kairos deutlich, nämlich dessen Flüchtigkeit.

Geflügelter Junge

Allegorisch wurde der kairos deshalb auch als ein geflügelter, auf Zehenspitzen laufender Junge mit kahlem Hinterkopf dargestellt. Den kairos muss man wortwörtlich bei den Haaren packen, denn wenn er einmal vorbeigezogen ist, greift man ins Leere - eben an den kahlen Hinterkopf. Die deutsche Redewendung "die Gelegenheit beim Schopfe packen" lässt sich übrigens auf diese mythologische Figur zurückführen. Daran wird wiederum deutlich, dass der kairos nicht nur flüchtig, sondern auch unabhängig von uns ist: einmal vergangen, kann man ihn nicht einfach zurückrufen, er lässt sich nicht beschwören und schon gar nicht erzwingen. Das bedeutet: der günstige Augenblick für eine Handlung hängt nicht vom Handelnden selbst ab, sondern von den äußeren Umständen, die sich eben so fügen müssen, dass sich der günstige Augenblick aus ihnen ergibt.

Das klingt jetzt zwar arg esoterisch, entspricht aber eigentlich einer alltäglichen Erfahrung. Ich denke da immer ans Küssen: ein guter Kuss ergibt sich - und zwar dann, wenn zwei Menschen spüren, dass eben jetzt, und nur jetzt, der richtige Zeitpunkt ist, sich zu küssen - und sie diesen Gedanken dann auch direkt in die Tat umsetzen. Diesen Moment kann man allerdings nicht vorhersehen, nicht planen und auch nicht erzwingen - jedenfalls wäre es dann kein guter Kuss mehr. Natürlich kann man diesen Moment auch verpassen oder aber die Zeichen missverstehen - und dann ärgert man sich im Nachhinein bitter über die vertane Chance. Wichtig ist, dass ein Kuss nur teils eine freie Entscheidung ist. Der andere Teil ist eben ... kairos.

Kontrollverlust

Und dennoch wirkt die Idee eines kairos irgendwie befremdlich; der Begriff scheint nicht wirklich in unsere Konzeption von Welt, Zeit und Handeln zu passen. Ich glaube das hat damit zu tun, dass der kairos unserem modernen Kontrolldrang (um nicht zu sagen Kontrollzwang) widerspricht. Wenn der richtige Zeitpunkt für unser Handeln nicht von uns selbst gewählt wird, sondern sich irgendwie ergibt, dann bedeutet das, dass unsere wichtigsten Entscheidungen vielleicht gar keine völlig freigewählten Handlungen sind, sondern vielmehr Antworten auf einen Ruf, auf einen Appell von außen, auf den wir keinen Einfluss haben.

Wir, die Modernen, bekämpfen jedoch aktiv die Vorstellung, dass es etwas gibt, was sich unserer Planung und unserer Prognostik entziehen könnte. Sobald sich eine Unbestimmtheit am Horizont abzeichnet, versuchen wir, sie in ein Erklärungsschema einzufügen, sie zu kategorisieren, sie auszuloten und einzuschätzen - um dann eine informierte Entscheidung treffen zu können. Einfacher ausgedrückt: wir verbringen einen Großteil unserer Gegenwart damit, aus der Vergangenheit die Zukunft abzulesen. Das ist ein durchaus nachvollziehbarer anthropologischer Reflex, denn in Urzeiten gingen Überraschungen meist tödlich aus. Aber dennoch verschließen wir uns dadurch auch vor der Zukunft und vor ihren Möglichkeiten.

Scheitern anstatt planen

Der kairos ruft uns hingegen in Erinnerung, dass mit jeder gelungenen Handlung und mit jeder Entscheidung auch die Möglichkeit ihres Scheiterns einhergeht. Es zeigt, dass die Zukunft von der Gegenwart abhängt, und nicht die Gegenwart von der Zukunft. Was bedeutet das? Nun, wenn die Zukunft immer schon entschieden ist, dann dient unser Handeln in der Gegenwart nur der Bestätigung des Immergleichen. Ein Scheitern ist unter diesen Bedingungen unmöglich, denn alles, was ich jetzt tue, wird dahingehend umgedeutet, dass es der Zukunft zuträglich ist. Ich denke da immer an meine 1ères-Schüler, die sich dafür entscheiden, sich nicht zu entscheiden, und ein sogenanntes gap year einlegen. Nun, späterhin wird diese Entscheidung ohne Zweifel als zuträglich für ihre Zukunft bewertet werden, denn die Gegenwart wird hier von der Zukunft aus interpretiert. Aber eigentlich ist ein gap year nichts anderes als die Weigerung, sich der Möglichkeit des Scheiterns zu stellen. Nein, stattdessen bloß keine Fehler begehen, und ja nicht die Zukunft gefährden! Denn genau das ist es, was wir auf jeden Fall vermeiden wollen: zu scheitern und somit etwas aufs Spiel zu setzen.

Wenn man sich aber mit dem Gedanken anfreundet, dass unsere Zukunft wesentlich offen und kontingent ist, also immer auch anders sein könnte, dann gewinnen unsere gegenwärtigen Handlungen zwar an Gravität, aber auch an Sinn und an Wert. Darin liegt für mich der tiefere Sinn des kairos-Begriffs: es geht eben nicht darum, andächtig auf den einen, auf den richtigen Moment zu warten, damit bloß nichts schief geht und man sich sicher ist, alles richtig gemacht zu haben. Das ist schließlich eine völlig absurde Vorstellung. Nein, es geht vielmehr darum, sich einzugestehen, dass man niemals völlig Herr der Lage ist. Aber erst um den Preis dieser Ungewissheit können unsere Handlungen in der Gegenwart ihren Sinn entfalten, erst wenn unseren Entscheidungen das Risiko des Scheiterns innewohnt, können sie unsere Zukunft entwerfen. Und erst dann, wenn wir erkennen, dass wir den günstigen Zeitpunkt nicht planen können, erst dann können wir vielleicht auch einmal die richtige Entscheidung zum richtigen Zeitpunkt treffen, denn erst dann tritt er auf ... der kairos.

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