Seismograph Vom Verschwinden

Letzte Woche hat die Firma Apple bekannt gegeben, dass sie die Produktion des iPod einstellt. Der ein oder andere von uns dürfte bei dieser Meldung doch etwas nostalgisch geworden sein. Ich selbst muss gestehen, dass ich nicht wusste, dass der iPod überhaupt noch produziert wird. Das ist doch interessant: hier verschwindet etwas, von dem viele glaubten, es sei schon längst verschwunden.

Lukas Held

Lukas Held

Manche Dinge hingegen scheinen verschwunden und sind immer noch da; und von wieder anderen Dingen meint man, sie müssten doch längst verschwunden sein, und die gibt es noch immer wie z.B. Facebook, von dem ich nicht gedacht hätte, dass es 15 Jahre existieren würde. Aber auch das wird wohl einmal verschwinden, früher oder später.

Appear / disappear

Denn alles was auftaucht, alles was da ist, trägt auch die Möglichkeit des Verschwindens in sich. Einige Sprachen drücken das besser aus, als andere: paraître/disparaître, appear/disappear, als ob es die zwei Seiten derselben Medaille seien. Dass Dinge verschwinden, ist das Allernatürlichste, beinahe schon eine Banalität - und trotzdem ist das Verschwinden nicht selbstverständlich.

Wenn etwas verschwindet, dann macht uns das zu schaffen, es scheint uns irgendwie zu betreffen. Es hinterlässt eine Leere, einen Hohlraum, den wir Menschen versuchen auszufüllen - sei es durch Trauer oder durch Nostalgie, wie im Falle des iPod. Und auch das ist menschlich: wir wollen diese verschwundene Dinge nicht einfach verloren geben.

Deshalb schreiben wir die Geschichte auf, deshalb machen wir Bilder, legen Archive an (das Wort leitet sich vom Wort "Arche" her) - deshalb kämpfen wir immer und ständig gegen das Vergessen an. Das liegt wohl in unserer eigenen Sterblichkeit begründet, denn immer, wenn etwas oder jemand verschwindet, werden wir daran erinnert, dass wir auch einmal verschwinden müssen. Aber es betrifft auch eine sehr menschliche Fähigkeit, nämlich die, etwas willentlich zerstören zu können, etwas auszulöschen. Der Mensch ist das Wesen, das gegen das Verschwinden ankämpft und dieses Verschwinden zugleich beschleunigt durch seine Lebensweise.

Dem Verschwinden Sinn geben

Ich denke da an die Natur, aber auch an das Verschwinden von Kulturgütern. Ich denke an die Sprengung von Palmyra durch den IS, die Zerstörung indigener Kulturgüter zur Zeit des Kolonialismus, an die kulturelle Revolution in China. All das waren Versuche, tabula rasa mit der Vergangenheit zu machen und das eigene gegenüber dem fremden zu glorifizieren.

Auch das ist eine menschliche Eigenschaft: neu anfangen wollen, sich radikal von der Vergangenheit loszusagen und diese eben verschwinden zu lassen. Was damit einhergeht ist schließlich auch der Wunsch, dem dauernden Verschwinden einen Sinn zu geben, vielleicht, um besser damit klarzukommen. Früher gab es noch den göttlichen Wille, mit dem das Verschwinden gedeutet wurde. Als die Wege des Herrn dann wirklich sehr schwer nachvollziehbar wurden, musste ein anderes Erklärungsmodell herhalten, nämlich die Geschichte, die jetzt, in der Moderne, einen Sinn, eine Richtung bekam, auf die sie sich zubewegte.

Später musste dann Darwins Evolutionstheorie herhalten, um das Verschwinden und das Zerstören zu rechtfertigen - wir wissen, in welche Irrwege der Sozialdarwinismus geführt hat. Und heute sind vor allem die ökonomischen Interessen, die Logik des Kapitals, die uns erklärt, warum gewisse Dinge verschwinden müssen. Meist mit der Begründung, sie seien überflüssig, outdatet, nicht nachhaltig, nicht rentabel.

La disparition

Das Verschwinden gehört zum Leben dazu, alles kommt und geht, alles wächst und verrottet. Aber mir scheint, dass wir dieses oft Verschwinden nicht wirklich markieren, dass wir es nicht genug in unser Bewusstsein holen, dass wir das Verschwinden selbst oft gerne verschwinden lassen.

Zum Glück kann ich da helfen mit einen kleinen Lektüretipp, und zwar einer monatlichen Newsletter mit dem Titel "La Disparition", die man gerne abonnieren kann. Es handelt sich dabei tatsächlich um einen Brief (auch eine Kommunikationsform, die verschwindet), den man ganz klassisch nach Hause geschickt bekommt und in welchem alle zwei Wochen etwas thematisiert wird, dass dabei ist, zu verschwinden. Es geht darum, den Prozess des Verschwindens zu erzählen - und nicht erst den Schwund zu konstatieren, wenn alles zu spät ist. "Faire l'inventaire d'un monde finissant pour construire demain". Sehr lesenswert, sehr gut dokumentiert und natürlich auch etwas traurig.

An der Mediathéik:

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