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/ Rohheit, Härte, Kälte

Seismograph

Rohheit, Härte, Kälte

Um 27. Januar 1945 gouf d'Konzentratiounslager Auschwitz vun der Roude Arméi befreit. Aus dësem Ulass gedenke mir haut den Affer vum Nationalsozialismus. Den däitsche Philosoph Theodor Adorno, dee selwer virun den Nazien huet misse flüchten, huet sech säi Liewe laang mat Auschwitz beschäftegt – an sech d'Fro gestallt, wei Erzéiung no Auschwitz méiglech ass?

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Theodor Adorno | © picture-alliance/ dpa | Manfred Rehm play_arrow
De Philosoph a Soziolog Theodor Adorno (Foto: picture-alliance/ dpa | Manfred Rehm)

Am 27. Januar 1945, heute vor 79 Jahren, befreiten Truppen der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz. Was sie dort sahen und für die Öffentlichkeit dokumentierten, sprengte in seiner Ungeheuerlichkeit den Rahmen des Vorstellbaren. 

Der Massenmord der Nazis an den Juden, an den Roma und Sinti, an Homosexuellen, an politischen Gegnern, an sogenannten Asozialen, an Arbeitsverweigerern, an kranken Menschen, an Behinderten, an Kriegsgefangenen und an Resistenzlern – dieser Massenmord trat nun deutlich zutage. 

1,1 Millionen Menschen starben zwischen 1940 und 1945 in den Gaskammern von Auschwitz. Insgesamt fielen dem deutschen Rassenwahn etwa 17 Millionen Menschen zum Opfer. Das war vor 79 Jahren – das war erst vor 79 Jahren.

Kann sich Auschwitz wiederholen?

Auschwitz steht seitdem für die systematische Vernichtung von Menschenleben, für die extremste Form von Entmenschlichung, für den Wahnsinn der Eugenik. Auschwitz markiert eine Zäsur in der Menschheits- und der Mentalitätsgeschichte – es gibt ein Vor und ein Nach Auschwitz. Und damit einhergehend viele Fragen: Wie konnte aus dem Volk der Dichter und Denker ein Volk der Richter und Henker werden? Wie ist es möglich, dass sich gebildete und sensible Menschen derartig gegen das Leid anderer Menschen abhärten? Wie kann aus der fortgeschrittensten Zivilisation die vollkommenste Barbarei entspringen? Und die dringendste aller Frage: Kann sich Auschwitz wiederholen, wo es doch schon einmal geschehen ist?

Im Jahr 1966 hielt der deutsche Philosoph Theodor Wiesengrund Adorno einen Rundfunkvortrag mit dem Titel „Erziehung nach Auschwitz“. Adorno, dessen Vater Jude war, gelang 1938 die Flucht nach Amerika. Er kehrte erst 1949 zurück und wurde als Vertreter der sogenannten „kritischen Theorie“ einer der wichtigsten Nachkriegsphilosophen. 

Das Ereignis Auschwitz zieht sich dabei durch Adornos ganzes Werk. So auch in diesem Vortrag, den er mit einem Paukenschlag beginnt: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. […] Jede Debatte über Erziehungsideale ist nichtig und gleichgültig diesem einen gegenüber, dass Auschwitz nicht sich wiederhole.“ 

Der Wiederholung von Auschwitz entgegenzuarbeiten, das ist für Adorno die wichtigste, ja die einzige Aufgabe der Erziehung.

Wendung zum Subjekt

Dazu reiche es nicht, sich auf vermeintlich „ewige Werte“ zu berufen, wie zum Beispiel Menschlichkeit, Nächstenliebe oder Tugend usw. Schließlich sind die Täter unempfindlich für diese Werte. 

Adorno schlägt stattdessen eine „Wendung aufs Subjekt“ vor. Man muss sich den Mechanismen zuwenden, die dazu führen, dass Menschen anderen Menschen solches Leid zufügen. Es gilt also, die Psychologie des Menschen zu verstehen, es gilt, sich mit der eigenen Monstrosität, mit der eigenen Schwäche auseinanderzusetzen. Adorno nennt das „kritische Selbstreflexion“. 

Sie beginnt mit der Einsicht, dass in uns Menschen selbst die Umstände angelegt sind, unter denen sich Auschwitz wiederholen kann. 

Rohheit

Aber welche Umstände, welche Charakteristika sind das? Ich möchte auf drei Charakteristika eingehen, die Adorno in seinem Vortrag herausarbeitet: erstens die Rohheit, zweitens die Härte und drittens die Kälte. 

Beginnen wir mit der Rohheit. Adorno argumentiert, dass sich die „archaische Neigung zur Gewalt“, die allen Menschen innewohnt, in einem „verqueren und pathogenen Verhältnis zum [eigenen] Körper“ äußert; aber auch in einem rohen Verhältnis zur eigenen Sprache. 

Ein roher Umgang mit dem eigenen und mit anderen Körpern, eine rohe, drohende Sprache, darin festigt sich die Aggressivität. Erziehung nach Auschwitz muss gegen diese Verrohung angehen.

Härte

Mit der Rohheit einher geht die Härte. Das Ideal der Härte verwirklicht sich insbesondere im Kontext der Erziehung, nach dem Motto: Was mein Kind nicht umbringt, das macht es stärker. Hart ist, wer gleichgültig ist gegenüber dem Schmerz. Und ein echter Mann, das ist eben ein harter Kerl. 

Wer aber hart gegenüber sich selbst ist – so führt Adorno den Gedankengang weiter – „der erkauft sich das Recht, hart auch gegen andere zu sein, und rächt sich für den Schmerz [den] er [selbst] verdrängen musste“. 

Anders gesagt: Die Härte zu mir selbst erlaubt mir die Härte gegenüber anderen. Der Masochismus verbindet sich hier also mit dem Sadismus: Der Schmerz, der mich quält, lässt sich nun auf andere Menschen übertragen. 

Und Schmerz verspüren wir alle, denn er kommt aus der Angst. Alle Menschen verspüren Angst, die Angst ist ein archaisches Gefühl. Ziel der Erziehung nach Auschwitz muss es nicht sein, abzuhärten, sondern zu lernen, mit der eigenen Angst umzugehen, sie nicht zu etwas Fremden zu machen, sie nicht zu verdrängen. Erziehung nach Auschwitz bedeutet also, die eigene Angst ernst zu nehmen und ihr einen adäquaten Platz einzuräumen.

Kälte

Kommen wir nun zur letzten Charakteristik, nämlich der Kälte. Kalt sind die Menschen, die keine oder nur eine mangelhafte Beziehung zu anderen aufbauen können. Kalt sind diejenigen, die nur an ihre eigenen Interessen denken, die sich nur um sich scheren. Kalt sind all die, die gleichgültig sind gegenüber den anderen, und die sich deshalb nur um sich kümmern. 

Ebendiese Gleichgültigkeit war der Grundstein für Auschwitz. Aber diese Gleichgültigkeit ist der status quo, sie ist – wie Adorno behauptet – „ein Grundzug der Anthropologie, also der Beschaffenheit des Menschen“. Und deshalb reicht es auch nicht, Liebe und Wärme zu predigen, denn dies setzt „eine andere Charakterstruktur voraus, als die, welche man verändern will“. 

Zunächst einmal gilt es, die eigene Kälte zu überwinden, indem man sich ihrer bewusst wird. Erziehung nach Auschwitz bedeutet, die Ursachen der eigenen Kälte zu erkennen und zu versuchen, sie zu überwinden.

Rohheit, Härte und Kälte – das sind Charakterzüge, die Auschwitz ermöglichten. Die Aufgabe der Erziehung muss es sein, diese Charakterzüge bewusst zu machen und ihre Entwicklung zu bekämpfen. Erziehung nach Auschwitz ist nicht mehr und nicht weniger als Entziehung zur Entbarbarisierung. 

Das ist ihr Auftrag, und dieser Auftrag bleibt aktuell. Zum Abschluss noch einmal Adorno: „Man spricht vom drohenden Rückfall in die Barbarei. Aber er droht nicht, sondern Auschwitz war [dieser Rückfall]; Barbarei besteht fort, solange die Bedingungen, die jenen Rückfall [ermöglichten], wesentlich fortdauern. Das ist das ganze Grauen.“

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