Fräie Mikro Geschichtsschreibung à la Xavier Bettel

Wenn sich eine Regierung in das Feld der offiziellen Geschichtsschreibung begibt, kann es zu Problemen kommen. Denn die Interpretation der Vergangenheit sollte nicht von oben herab geschehen, meint der Journalist Jochen Zenthöfer von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung im Fräie Mikro. Er kritisiert nun eine Broschüre des Service information et presse über die luxemburgische Geschichte.

Jochen Zenthöfer / cbi

Meenung Jochen Zenthöfer
Jochen Zenthöfer

Es ist immer Vorsicht geboten, wenn Regierungen die Geschichtsschreibung ihres Landes formulieren wollen. Denn Geschichtsschreibung ist nicht objektiv, sie ist immer auch subjektiv, weil sie Akzente setzt, Ereignisse hervorhebt und anderes dafür weg lässt. Da Geschichte nicht von allen Menschen in gleicher Weise interpretiert oder bewertet wird, kann man sich als Regierung eigentlich nur Probleme einhandeln, wenn man über das Thema publiziert. Diese Probleme hat nun auch Premierminister Xavier Bettel, denn der ihm unterstellte Service information et presse hat im September 2017 eine Broschüre über die Geschichte des Landes herausgegeben.

In den Nachbarländern werden solche Publikationen nicht von den Regierungen selbst herausgegeben. Das Bundespresseamt in Berlin etwa würde sich hüten, eine Publikation zur deutschen Geschichte zu veröffentlichen; dafür ist die Bundeszentrale für politische Bildung zuständig. Auch diese Organisation schreibt in der Regel keine eigenen Geschichtsbücher, sondern nimmt entsprechende Bände aus Verlagen unter Lizenz und veröffentlicht diese dann zu einem günstigen Preis. So können etwa Schüler oder Studenten gute Sachbücher fast gratis erwerben. Das wäre auch ein sinnvoller Weg für Luxemburg gewesen: Das Zentrum fir politesch Bildung mit Sitz in Walferdange könnte solche Publikationen mit viel Expertise und vor allem etwas Staatsferne veröffentlichen. Dafür bräuchte das Zentrum allerdings mehr Mitarbeiter.

Mehrere Paradigmen der Geschichtsschreibung

Im Großen und Ganzen setzt die Publikation eine Geschichtsschreibung fort, die in Luxemburg in der Nachkriegszeit begann und bis etwa in die Nuller-Jahre dieses Jahrhunderts galt. Diese Geschichtsschreibung lebte von mehreren Paradigmen, die ausgesprochen oder unausgesprochen galten. Ein Paradigma war, dass die Entwicklung Luxemburgs zu einem souveränen Nationalstaat heutiger Prägung unaufhaltsam und linear von statten ging. Ein weiteres Paradigma waren die angeblichen Teilungen, die Luxemburg im Laufe seiner Geschichte erfahren hat. Ein drittes Paradigma war die ausschließliche Opferrolle der Luxemburger bei der Besetzung durch das faschistische Deutschland.

Heutzutage braucht Luxemburg diese Paradigmen nicht mehr. Das Großherzogtum ist ein gefestigter, rechtsstaatlich organisierter und multiethnischer Musterstaat im Herzen Europas. Umso mehr erstaunt es, dass Bettel nun mit dieser Publikation über die Geschichte Luxemburgs einige alte Paradigmen wieder aufleben lässt: Als hätte es keinen Artuso-Bericht, als hätte es keine Entschuldigung bei den Juden, als hätte es keine Gründung neuer Institutionen gegeben.

Die Geschichte der Region, in der der Staat Luxemburg heute liegt, ist wechselhaft. Zu verschiedenen Zeiten gab es gar kein Luxemburg im heutigen Sinne, etwa zwischen 1797 und 1815. Daher ist die seit 100 Jahren immer wieder gerne verwendete Karte der "Territorialen Zerstückelung", die auch in der neuen Broschüre verwendet wird, missverständlich. Denn einen Staat Luxemburg hat es in der Form, mit Gebieten bis weit hinter Bitburg, Schleiden, Montmédy und Marche nie gegeben.

Luxemburg im Zweiten Weltkrieg

Auch bei der Besatzungszeit zwischen 1940 und 1944 herrscht in der Publikation eine klassische Sichtweise vor, als da wären: Große Widerstandsereignisse, der Streik von 1942 oder die Personenstandaufnahme, die sogenannte Volkszählung, bei der eine Mehrheit "Lëtzebuergesch" als Muttersprache und Volkszugehörigkeit angab. Dies wird vermutlich so gewesen sein, aber die Stimmzettel wurden nie vollständig ausgezählt. Wir wissen also nicht, ob und welche Mehrheit es für "Lëtzebuergesch" gab. Der Verfolgung und Deportation einer ganzen Bevölkerungsgruppe, der Juden, werden in der Publikation nur zweieinhalb Zeilen gewidmet, zehn Zeilen gibt es dafür zum Thema Wehrpflicht und Zwangsrekrutierung. Kein Wort fällt zur Zerstörung der Synagogen, kein Wort liest man über die schlimmen Zustände in Fünfbrunnen.

Die Kollaboration wird in einem Nebensatz abgehandelt und abgetan, als ob es die neuen Forschungen von Denis Scuto, Vincent Artuso, Mil Lorang und anderen nicht gegeben hätte. Völlig unerwähnt gelassen wird die Rolle von luxemburgischen Freiwilligen in der Wehrmacht und einiger weniger Luxemburger bei der Tötung von Juden. Statt mit diesen Themen beschäftigt sich die Publikation mit dem Brexit-Referendum in Großbritannien und dem Konkurs der amerikanischen Bank Lehman Brothers.

Premierminister Xavier Bettel sollte die Broschüre überarbeiten lassen. Denn sie zeigt nicht, was diese Regierung denkt und sie bildet nicht ab, wie vorbildlich diese Regierung in den letzten Jahren gehandelt hat.


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